Interview mit der Autorin Dorothea Flechsig

Die Leipziger Buchmesse mit über 175.000 Besuchern überraschte alle Kritiker. Das Buch lebt und es begeistert auch weiterhin Jung und Alt. 42 Länder stellten ihre Schätze vor. Der Besucherandrang war riesig. Für alle, die die Messe leider nicht besuchen konnten, habe ich heute eine ganz besondere Überraschung. Ich durfte ein sehr interessantes und persönliches Interview mit der Autorin Dorothea Flechsig vom Glückschuh Verlag führen. Wer mein Blog regelmäßig verfolgt weiß, dass in den wunderschönen Kinderbüchern ganz viel Liebe und Herzblut steckt. Ihre persönliche Naturverbundenheit kommt bei den Kindern sehr gut an und sie lassen sich von ihren Geschichten inspirieren.

Foto: Maria Conradi

Foto: Maria Conradi

Wie der Knick in Sandors Ohr kam – Ein Interview mit Kinderbuchautorin Dorothea Flechsig

2011 wagten Sie den großen Schritt und gründeten den Glückschuh Verlag. War das Konzept von Anfang an klar oder entwickelten sich die Ideen hin zu Tier- und Naturforschergeschichten erst im Laufe der Zeit?

Es war mir von Beginn an klar, dass ich Bücher und Hörbücher zu diesen Themen veröffentlichen will. Nicht nur Kinder, auch ich selbst bin von Tieren und der Natur fasziniert. Wenn Sie mich vor die Entscheidung stellten würden: Möchten Sie heute lieber Möwen füttern, oder in der Stadt bummeln gehen, würde ich antworten: Lass uns Möwen füttern! Das heißt, ich mag alles Lebendige. Diese Liebe versuche ich in meinen Geschichten weiterzugeben und ich freue mich, dass dies die Kinder spüren.

Petronella Glückschuh, die Hauptfigur einer Ihrer Buchreihen, ist ein abenteuerlustiges Mädchen, das sehr naturverbunden ist. Die Geschichten sind humorvoll und spannend zugleich. Aber werden sie auch von Jungs gelesen?

Es gibt Jungen, die Petronella mögen. Wenn ich in Schulklassen vorlese, freuen sich auch Jungs an dem neugierigen Mädchencharakter. Oft berichten sie von eigenen Erfahrungen und erzählen von ihren Forschungsergebnissen, etwa von Tierknochenfunden, gefangenen Kröten, Kaulquappen, oder ähnlichem. Dass alle Mädchen lieber mit Puppen spielen, trifft sowieso nicht zu. Petronella ist da doch ein gutes Beispiel. Ich mache mich frei von kommerziellen Verkaufsstrategien Jungenbuch – Mädchenbuch. Ich schreibe für alle. Es gibt wohl Untersuchungen, dass Jungs lieber eine männliche Hauptfigur haben wollen. Aber ich schreibe nicht nach Marktanalysen. Dies dürfen gern die großen Verlage machen. Ich interessiere mich für solche Ergebnisse, beim Schreiben sind sie mir aber egal.

Eine weitere Buchserie handelt von Sandor, der sprechenden Fledermaus. Wie entstand die Idee mit dem Knick in seinem Ohr und weshalb fasziniert Sie gerade diese Tierart so?

Fledermäuse haben für mich etwas Geheimnisvolles, das hat mich inspiriert. Da sie die Wechselwärme anderer Fledermäuse benötigen, sind sie selten Einzelgänger. Sandor ist aber allein, so wie der Junge Jendrik. Sein besonderes Merkmal, der Knick im Ohr, erzählt, warum das so ist. Andere Fledermäuse setzen ihm zu und er zog sich deshalb in die Einsamkeit zurück, in den Rollokasten der Schule. Kinder erfahren und erleben ihre Umwelt sehr stark über Empathie, sie spüren und erahnen viel. Auch wenn sie nicht wissen, dass Ohren für Fledermäuse überlebenswichtig sind, erahnen sie wie groß die Verletzung für Sandor ist und wie sehr er sich eigentlich nach Wärme sehnt.

Durchweg alle Bücher enthalten wunderschöne Zeichnungen und Fotos. Arbeiten Sie generell nur mit Ihnen vertrauten Illustratoren und Fotografen zusammen oder haben auch Newcomer eine Chance auf Zusammenarbeit?

Der Glückschuh Verlag ist ein kleiner Verlag. Wir produzieren nur sehr wenige Werke. Es haben auch Newcomer eine Chance. Mein „Chacha-Casha“ Chamäleonbuch wurde von der jungen Grafikerin Alaa El-Bundegji illustriert. Das war ihre erste Buchillustration. Die vielen schönen Fotos zu „Pünktchen, das Küken“ sind die erste Veröffentlichung der Fotografin Juliane Teuteberg. Unsere Sandor- und Petronella-Illustrationen stammen hingegen von einem sehr erfahrenen Illustrator, Christian Puille.

Ihr Vater, Erhard Flechsig, ist ein bekannter Mundartdichter, Ihre Mutter war Buchhändlerin. Hatten Sie schon als Kind den Wunsch, später in einem kreativen Beruf tätig zu werden?

Als Kind hatte ich drei Berufswünsche: Tierforscherin, Pfarrerin oder Autorin. Mich faszinierte, dass der Pfarrer von der Kanzel Geschichten erzählen konnte und alle hörten andächtig zu. Ich glaube Autorin passt aber besser zu mir.

Was fällt Ihnen leichter, den Anfang oder das Ende eines Buches zu schreiben?

Das kommt auf die Geschichte an, die man im Kopf hat. Bei Sandor empfinde ich das Ende schwieriger als den Anfang. Den Bogen und ein klares einleuchtendes Ende hinzubekommen ist nicht immer einfach. Ich denke schon länger über eine neue Figur nach und komischerweise, weiß ich hier das Ende schon ganz genau. Aber über den Anfang bin ich mir derzeit noch nicht klar.

Lassen Sie Ihre Bücher von Kindern testlesen, bevor Sie sie veröffentlichen?

Ich habe oft mit meinen Nichten und Neffen und auch mit Kindern von Freunden über meine Figuren gesprochen. Junge Testleser hatte ich bisher aber keine.

Als Ihr allererstes Buch in den Regalen der Geschäfte stand, was ging Ihnen durch den Kopf?

Es gibt so großartige Autoren aus der ganzen Welt, die in den Regalen zu finden sind. Umso mehr freue ich mich über Buchhandlungen, die auch kleine Verlage und eine unbekannte Autorin unterstützen.

Schlummern noch unveröffentlichte aber fertige Manuskripte in Ihren Schubladen?

Ja, es gibt immer noch viel buntes Material.

Sie sind nicht nur Autorin und Verlegerin Ihrer Bücher, Sie haben auch eine Filmproduktionsfirma gegründet. Was genau entstehen dort für Filme?

Das sind Kurzfilme von Kindern für Kinder. Die Kinder schreiben unter Anleitung selbst das Drehbuch und wir setzen es gemeinsam um. Es sind meist Filme, die den Natur-, Klima- und Tierschutz thematisieren.

Der Glückschuh Verlag ist auf vielen interessanten Messen vertreten. Dort und auch in Buchläden halten Sie viele Lesungen ab. Welche Fragen werden Ihnen von den Kindern am häufigsten gestellt?

Viele Kinder fragen mich: Wie lange hast du gebraucht, um das Buch zu schreiben? Sehr oft werde ich auch gefragt, hast du als Kind wirklich mit deiner Zahnbürste Regenwürmer geputzt? Bei meinen Lesungen versuche ich die Kinder zu animieren, selbst Geschichten zu schreiben.

Gehören Kinderbücher und ein Happy End unweigerlich zusammen?

Nein, das finde ich nicht. Aber man sollte sehr behutsam mit einem offenen oder ernsten Ende umgehen. Mitzufühlen oder auch bei einem Buch zu weinen, das ist auch für Kinder wichtig. Sie dürfen aber nicht mit Angst oder Furcht am Ende allein gelassen werden.

Für welches Buch ganz allgemein würden Sie gerne einmal ein anderes Ende schreiben?

Mich berühren sehr die Märchen von Hans Christian Andersen. Als ich Kind war, las uns unsere Großmutter viele Märchen vor. Ich dachte früher immer, was muss das für ein trauriger Mann sein, der so furchtbare Enden schreibt. Schade, dass er schon über hundert Jahre tot ist. Ich hätte ihn gern gesprochen und über den „Standhaften Zinnsoldat“ oder „Die kleine Meerjungfrau“ befragt. Ich mag sehr sein Zitat: „Das schönste Märchen ist das Leben.“

Haben Sie je ein Buch auf einer alten Schreibmaschine geschrieben? Existiert diese noch?

Ich bin kein Liebhaber von alten Schreibmaschinen. Für mich haben sie nichts nostalgisches, da ich oft, wenn ich richtig in einen Schreibfluss komme, fehlerhaft schreibe. Der Gedanke ist schneller als die Tasten. In einer guten Phase müsste ich bei einer Schreibmaschine dann anschließend beim Verbessern viel Tipp Ex verbrauchen. Manchmal benutze ich zum Schreiben auch Stift und Block.

Bei so vielen Terminen und Ihrem Engagement im Bereich Umweltpädagogik, bleibt da überhaupt noch Zeit, selbst Bücher zu lesen?

Leider bleibt mir wenig Zeit. Im Urlaub lese ich gern. Manchmal habe ich das Glück und mein Mann liest mir vor. Das mag ich am Liebsten.

Vielen lieben Dank Frau Flechsig für das offene und interessante Interview. Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute und weiterhin viel Erfolg mit Ihrem Verlag.

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2 Kommentare zu “Interview mit der Autorin Dorothea Flechsig

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