Ein mittelschönes Leben – Kinderbuch über Obdachlosigkeit

 

Ich höre jetzt schon alle Übermuttis protestieren: „Warum müssen denn Kinder schon mit der harten Wirklichkeit konfrontiert werden? Das ist noch viel zu früh. Mein Kind ist erst 5, sowas halte ich so lange wie möglich von ihm fern.“ 

Klar, kein Problem. Das sei jedem selbst überlassen. Buchempfehlungen sind rein persönliche Meinungen. Und ich BIN der Meinung, dass Kinder sehr wohl auch auf nicht so schöne Lebenssituationen aufmerksam gemacht werden sollten. Meist nehmen Kinder soziale Ungerechtigkeiten viel eher wahr, als Erwachsene. Sie sind mitfühlender und vorurteilsloser.

Wenn dann mal die Frage kommt, „Mama, warum sitzt der Mann da auf dem kalten Boden und friert?“, hilft weder schamhaftes Wegschauen, noch Beschönigung. Vielmehr beantwortet das tolle Kinderbuch „Ein mittelschönes Leben“ von Kirsten Boie aus dem Carlsen Verlag viele Fragen und führt die Kinder ganz behutsam an das Thema Obdachlosigkeit heran.

Creative Look-Ein mittelschönes Leben Kinderbuch Obdachlosigkeit

Illustrationen von Jutta Bauer, Copyright für die Innenabbildung aus „Ein mittelschönes Leben“ © Carlsen

 

„Ein mittelschönes Leben“ erzählt die sehr berührende Geschichte von einem Mann, der obdachlos wurde. Früher führte er ein ganz normales Leben. Er verbrachte eine schöne Kindheit, schaute sich gerne die Sterne an, durchlief die Pubertät wie andere Jugendliche auch, verliebte sich, heiratete und wurde stolzer Papa zweier Kinder. Er ging einer regelmäßigen Arbeit nach, auch wenn diese nicht seinem Traumjob entsprach. Als Kind wollte er nämlich Profi-Fußballer werden. Aber daraus wurde nichts.

Creative Look-Ein mittelschönes Leben Kinderbuch Obdachlosigkeit

Copyright für die Innenabbildung aus „Ein mittelschönes Leben“ © Carlsen

 

Der Mann führte ein Durchschnittsleben, nicht besonders aufregend, er war nicht reich, nagte aber auch nicht am Hungertuch. Plötzlich ging alles ganz schnell. Seine Frau trennte sich von ihm, er verlor den Job, dann die Wohnung, die Rechnungen häuften sich. Ab da lief nichts mehr, wie es laufen sollte……..

 

Dieses Buch berührte wirklich mein Herz. Vielleicht fand ich besonders leicht Zugang zum Thema, weil ich mich privat auch ein wenig in der Obdachlosenhilfe engagiere. Vielleicht sprechen mich soziale Themen auch so an, weil ich als Kind sehr mitfühlend erzogen wurde. Wer weiß. Auf jeden Fall tut der Schreibstil der Autorin ihr Übriges. Die Sätze wurden sehr kindgerecht formuliert. Man hat beim Lesen das Gefühl, ein Kind erzählt selbst, mit seinen eigenen einfachen Worten, die Geschichte. Ich finde die Idee toll, denn die Kids werden den Eindruck gewinnen, dass sich der Erzähler auf Augenhöhe mit ihnen befindet. Auch die Wortwahl wie mittelgerne oder gedaddelt wurde kindgerecht gewählt. Dass DER MANN keinen Namen erhält, macht Sinn. Er steht stellvertretend für all die Obdachlosen oder von Obdachlosigkeit bedrohten Menschen und soll zeigen, dass dies kein Einzelschicksal ist.

Anfangs werden Erlebnisse aus Kindheit und Jugend des Mannes geschildert. Der Leser, je nach dem welchen Alters, kann sich mit ihm identifizieren, zieht eventuell Parallelen zum eigenen Leben. Bis zur Familiengründung schildert die Autorin nur positive Ereignisse, deutet aber schon vorsichtig an, dass die Situation bald kippen wird. „Wenn er nach den vielen Überstunden … war er jetzt immer sehr müde. Dann hat er sich vor den Fernseher gesetzt und ein Bier getrunken.“ (S. 10) Das Bier trinken erlangt anfangs nur unterschwellige Bedeutung, wird aber immer wieder angesprochen.
Später wird dann die Abwärtsspirale beschrieben, wie ein Problem das nächste nach sich zieht und der Mann es nicht mehr schafft, aus dem Teufelskreis auszubrechen.

Kinderbuch über Obdachlosigkeit

Copyright für die Innenabbildung aus „Ein mittelschönes Leben“ © Carlsen

 

In Zusammenarbeit mit dem Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“ wurden Obdachlose in Hamburg zu ihrer aktuellen Situation befragt. Dazu durften Grundschüler Fragen formulieren, die am Ende des Buches mit jeweiligen Antworten zu finden sind. Dies macht das Buch noch ein Stück persönlicher.

Kaufen kann man das 32 Seiten starke Kinderbuch beim Carlsen Verlag für 9,95 Euro. Ich kann es jedem wärmstens ans Herz legen und werde es demnächst in meinem Förderunterricht verwenden.

Ganz klare 5 Lesesternchen von mir. ♥♥♥♥♥

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