Gedanken zum Artikel „Der Mythos Ostschule“

Schon eine ganze Weile dümpelt ein angefangener Artikel von mir im Archiv und wartet auf Vollendung. Ossiblock hat mich heute mit seinem Post wieder daran erinnert.
Am 16.8.2010 erschien in der „Frankfurter Allgemeine“ ein Artikel von Ralf Schuler mit dem Titel „Der Mythos Ostschule“. Einleitend beginnt er wie folgt: „Im Schulsystem der DDR sehen manche bis heute ein Stück Sozialismus, das funktionierte und wert gewesen wäre, übernommen zu werden. Doch der Schein trügt: Das System war weder gerecht noch sozial durchlässig – als Vorbild taugt es nicht.“ 
Ganz nüchtern und aus den Augen einer Mutter betrachtet geht es doch letztlich allein um unsere Kinder. Die scheren sich nicht darum, ob Politiker, Journalisten oder sonst welch schlauen Leute scheinheilige Gründe für das eine oder andere Bildungssystem erfinden. Alles zum Wohle der Schüler versteht sich. Haben sich eigentlich diese Leute wirklich mal die Mühe gemacht, die Betroffenen zu fragen, was sie für eine gute Schule und Spaß am Lernen halten?
Ich habe ja nun privat und beruflich mit Kids aller Altersgruppen zu tun und meine stets ausgebuchten Nachhilfestunden verschafften mir einen prima Einblick in die Schülerseelen.

Platz 1 der „Doof-Liste“ belegte ganz klar die Aussage, dass sie bei einem Wechsel aufs Gymnasium ihre alten Schulfreunde verlieren und sich an neue Schülergemeinschaften gewöhnen müssen. Ruhige, schüchterne Kinder sehen darin ein ganz großes Problem und brauchen sehr lange, um mit dieser Veränderung klar zu kommen. Auf Ostschulen blieb uns das erspart. Wir lebten 10 Jahre lang (wenn man nicht früher abging) im fast gleichen Schüler-Lehrer-Umfeld und wuchsen eng zusammen. Die meisten Lehrer kannten von Anfang an die familiären Hintergründe ihrer Schützlinge, so weit Eltern ihnen den Einblick eben gewährten. Sie kannten Stärken und Schwächen der Schüler und konnten eventuelle Schwierigkeiten rechtzeitig ansprechen.
Platz 2 belegte die Angst, den schulischen Ansprüchen auf dem Gymnasium nicht gerecht werden zu können, denn ab da „wird es total schwer“. Schon in meinem privaten Umfeld bemerke ich, unter welchem Druck die Kinder stehen, wenn Eltern beginnen sich auf die Suche nach einer geeigneten neuen Schule zu begeben. Meist wird anhand der Noten beurteilt, wo ab jetzt das Kind seine restliche Schulzeit verbringt. Aber sind auch alle Kinder schon bereit für die „große“ Aufgabe? Auch dieser Angst sind wir damals entkommen. Es spielte keine Rolle in welcher Klasse wir uns gerade befanden. Die Botschaft war ganz klar. Lernen ist wichtig für die Zukunft, von der 1. bis zur 10. Klasse, nicht erst in der Oberstufe.
Ralf Schuler bemängelt weiterhin: „…Schüler von der fünften Klasse an Russisch lernen mussten und dass dennoch kaum jemand die Sprache einigermaßen alltagstauglich beherrschte, dann kann die Vermittlung des Stoffes nicht sonderlich effektiv gewesen sein.“
Lieber Herr Schuler, hätten Sie in der Schule 5 Jahre lang Suaheli gelernt, würden Sie die Sprache heute fließend sprechen? Dies liegt doch wohl eher darin begründet, dass man Sprachen auch anwenden muss, um sie zu beherrschen. Mein zusätzliches Wahlfach war Englisch. Da ich diese Sprache beruflich ständig brauche, reichten hier sogar 4 Jahre Unterricht aus. Und unsere Lehrerin vermittelte den Stoff nicht anders als unsere Russischlehrerin. Und übrigens … Я могу общаться очень хорошо по-русски!!!
„…Abiturquote in der DDR – zwischen fünf und fünfzehn Prozent – lag zu allen Zeiten deutlich unter jener der Bundesrepublik.“

Dies lag aber nicht daran, dass uns der Stoff nicht richtig vermittelt wurde und wir deshalb zu doof für ein Abitur waren. Zum einen gab es Schüler wie mich, die kein Interesse daran hatten und statt zu lernen, lieber endlich arbeiten gehen wollten. Ich habe mich auf die Berufswelt gefreut. Meine Lehrstelle musste ich mir nicht über Jahre erkämpfen, ich bekam sie einfach, weil ich sie wollte. Schon in der 9. Klasse ging eine Liste mit offenen Lehrstellen in der Klasse rum, in der man sich nur eintragen musste. Das wars. Ich begann nach den Prüfungen nahtlos meine Ausbildung als Wirtschaftskauffrau an der Berliner Charite. Ist das heute noch möglich?
Auf der anderen Seite spielten die Zensuren keine Rolle. Die sozialistische Einstellung und Identifikation mit der DDR war nötig, um überhaupt Abitur machen zu können. Wer von uns ehemaligen Ossis behauptet denn, dass diese Tatsache an den heutigen Schulen übernommen werden soll? Niemand. Es geht doch letztlich darum, positive Dinge zu übernehmen und Negative außen vor zu lassen. Warum muss man dann das komplette System nieder machen?

Liebe Politiker. Bevor Ihr mal wieder über „das beste Bildungssystem“ debattiert, besucht mal ein paar Schulen, verfolgt das Unterrichtsgeschehen und unterhaltet Euch mit den Kindern. Ihr werdet staunen was sie von EUREN Ideen halten. 😉

 

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4 Kommentare zu “Gedanken zum Artikel „Der Mythos Ostschule“

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