(N)ostalgie – Übernachtung in der Zelle (2)

… So saßen wir stundenlang im Cafe, feierten schon vor und amüsierten uns über die Polizisten, die Wut schnaubend vor dem „Rendezvous“ auf und ab liefen. Ein einziges Mal erlebte ich, das sie das Cafe betreten durften. Der Grund war mir nicht bekannt, aber zum Glück kamen wir da gerade erst an und konnten uns draußen noch rechtzeitig verkrümeln.

„Verfolgungsjagden“ hatten wir auch jede Menge hinter uns. Als meine Nichte noch keinen Ausweis besaß mussten wir besonders vorsichtig sein. Manchmal wurden wir spät abends fast erwischt. Wenn wir die Polizisten rechtzeitig sahen nahmen wir die Beine in die Hand. Unser „Parcourt“ begann auf der Terrasse vor dem Cafe, führte uns weiter zum nächsten Restaurant, die Treppe hinunter, rein in die Post (sofern noch geöffnet), raus aus der Post, hinten über den großen Parkplatz und … abgehängt. So schnell waren die nicht ;-). Und wir waren ja in Übung.

Nur einmal passten wir nicht auf. Am frühen Abend, wir wollten bald ins AT, standen wir in der 1. Etage vor dem Cafe auf der Terrasse und schauten uns die Leute an. Plötzlich ließ uns eine tiefe Stimme zusammenzucken. „Schönen guten Abend, Wachtmeister XY, ihre Ausweispapiere bitte.“

Huch, wo kamen die denn her? Oh oh, ich sah schon meine Nichte erstarren. Ganz blass um die Nase stammelte sie: „Den hab ich nicht dabei.“ Na die Ausrede haben sie bestimmt 10000 Mal gehört. Außerdem kannten sie uns und auch das Alter meiner Nichte. Grinsend überprüften sie meine Papiere. „Sie können gehen, aber ihre „Schwester“ kommt mit.“ Wir gaben uns damals als Geschwister aus, da fiel das Alter nicht so auf. Insbesondere bei den Türstehern. Als Tante hatte ich die Verantwortung für meine Nichte und hätte sie ums Verrecken nicht alleine gelassen.

Unsere Fahrt ging in die Keibelstr., Polizeirevier in Mitte.

Wir wurden parterre in einen kleinen Raum geführt. Ein Tisch, 2 Stühle, kahle Wände. Dort saßen wir eine halbe Ewigkeit, ohne dass etwas passierte. Dann begann eine ellenlange Befragung. Wir hatten damals selten Handtaschen dabei. Unser ständiger Begleiter war eine „West“-Plastiktüte mit Haarspray, Kosmetik, Kaugummis (Wrigleys), Impuls-Spray, später Zigaretten, ein Notizbuch mit sämtlichen Telefonnummern unserer westlichen Freunde, Portmonee, manchmal 1 Mark in Forumschecks und Kleinkram. Schon allein für die Plastiktüte mussten wir uns rechtfertigen.

Wir wurden stundenlang gefragt, wo wir die Westartikel her hatten, wer uns das Geld gegeben hat, was wir im Cafe zu tun haben, wen wir alles persönlich kennen, wer zu den jeweiligen Telefonnummern gehört etc. Dann war der Spuk vorbei und sie forderten die Anschrift meiner Schwester. Sie sollte meine Nichte persönlich vom Revier abholen. Das war mit das Schlimmste, was passieren konnte, denn meine Schwester war alles andere als begeistert von unseren nächtlichen Ausflügen und konnte sich mit der Internationalität unserer Freunde so gar nicht identifizieren. Meine Nichte hatte ständig Stubenarrest, Verbote jeglicher Art wenn sie mal wieder Mist baute. Diesmal hatte sie echt Angst vor der Strafe.

In der Zwischenzeit wurden wir in einen anderen Raum gebracht, der dem ersten ähnelte. Nur diesmal befanden sich darin mehrere Zellen. Nun war bei meiner Nichte ganz aus. Sie brach in Tränen aus und ließ sich ewig nicht beruhigen. Meine Zelle stand offen, ich hätte ja jeder Zeit gehen können. Aber meine Nichte zurücklassen? Niemals. Also verharrten wir beide Stunde um Stunde hinter Gittern.

Irgendwann gegen Morgen betrat ein Polizist den Raum, im Schlepptau meine Schwester. Auch mit geschlossenen Augen hätte ich sie sofort erkannt, denn ihre Schimpftirade gegen uns 2 war einzigartig. Sie schleifte meine Nichte an den Haaren raus und verschwand mit ihr im Morgengrauen.

Außer, dass ich nun monatelang allein weggehen musste, gab es aber keine Konsequenzen für uns. Und hat dieses Erlebnis irgendetwas bei mir bewirkt? Ich sag mal so, das nächste Wochenende gehörte wieder mir. Und es war BOMBE  😉

Wer sich mal anschauen möchte wie so eine Zelle von innen aussah, klickt mal hier.

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2 Kommentare zu “(N)ostalgie – Übernachtung in der Zelle (2)

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