(N)ostalgie – Übernachtung in der Zelle (1)

In meiner Rubrik „Dufte Sache – Kindheitserinnerungen der Nase nach“ hatte ich beim Thema Intershops angedeutet, dass mir meine exquisiten Ausflüge durch die Produktwelt des Westens nicht nur jede Menge Ausweiskontrollen sondern auch eine Übernachtung in der Zelle eingebracht haben. Aber es spielte noch etwas anderes eine ausschlaggebende Rolle, warum ich von der Polizei unter die Lupe genommen wurde. Das Alter meiner Nichte. Zuerst möchte ich Euch kurz erklären, wie die Umstände für uns „Kinder“ damals waren, wenn wir in die Disco wollten, damit Ihr besser versteht, warum bestimmte Dinge überhaupt passieren konnten. In einem 2. Post berichte ich Euch dann von meinem Erlebnis auf der Polizeistation.

Meine Nichte und ich waren während der gesamten Kinder- und Jugendzeit unzertrennlich und unternahmen alles gemeinsam. So bestritten wir natürlich auch unsere Discoabende zusammen. Ich war noch nicht ganz 16 als ich auf den Geschmack kam, meine Nichte 3 Jahre jünger!!! Rein optisch hätte das locker anders herum sein können, sie wirkte viel älter und reifer als ich. Anfangs gab es wenig Probleme an Türstehern vorbei zu kommen. Ich hatte meinen Ausweis immer dabei und meine Nichte wirkte eh älter.

Anders verhielt sich das bei den fast täglichen Ausweiskontrollen. Unsere Lieblingscafes und Discotheken befanden sich meist im Umkreis des Alexanderplatzes. Dort wurde verstärkt kontrolliert. Man begegnete oft dem gleichen Polizisten mehrfach am Tag und wir machten uns gerne ein Späßchen daraus, schon von weitem den Ausweis hochzuhalten und ihm eine Strichliste entgegenzustrecken. Hatte er einen guten Tag, nahm er es mit Humor. 😉 Tagsüber war auch alles paletti, da konnte uns ja keiner verbieten, auf der Straße herum zu laufen. Ab 20 Uhr wurde es kritischer.

„Kinder“ und Jugendliche wurde abends besonders kritisch beäugt. Erst recht wenn sie sich in Gegenden aufhielten, die von „Westbesuchern“ gerne befeiert wurden. So kam es, dass wir an jedem Wochenende ein kleines Versteckspiel veranstalten mussten, um uns ungesehen mit Freunden treffen und bei der Polizei einschlägig bekannte Discotheken besuchen konnten. Zu allem Unglück wohnte meine Tante in der Karl-Liebknecht-Str. Diese befindet sich gegenüber der Rathauspassagen, wo unser ständiger Treffpunkt war. Sie arbeitete damals beim Magistrat und aß regelmäßig mit Honnecker und Krenz zu Mittag. Wenn sie auf ihrem Balkon stand, konnte sie den gesamten Bereich um den Alex beobachten. Ihr „Ziehkind“, ca. 5 Jahre älter als ich, diente dabei oft als Anscheißerin und hat uns damals ne Menge Ärger eingehandelt, wenn sie uns mal wieder erwischte.

Die Rathauspassagen boten eine Vielzahl an Versteckmöglichkeiten für uns. In der unteren Etage wimmelte es von Geschäften, oben drüber gab es meist Cafes und Restaurants. Die nächste Etage war unbewohnt und bestand aus Freiflächen mit durchgehenden Terrassen. Dort konnte man gut von einer Straßenecke bis zum anderen Ende durchlaufen. Zwischendrin waren die Etagen des Gebäudekomplexes mit Treppen verbunden und man konnte sämtliche Geschäfte und Terrassen von verschiedenen Seiten erreichen. Der „Alextreff“ (AT) war einer unserer Stammdiscotheken und lag ebenerdig am Anfang der Passagen. Gegenüber in der 1. Etage gab es das Cafe Rendezvous, DER Treffpunkt für uns und internationales Publikum. Meist verbrachten wir dort den Nachmittag und gingen abends dann rüber ins AT. Dieses spezielle Cafe war der Stasi schon ewig ein Dorn im Auge. Sie wussten, dass wir Mädels uns dort gerne aufhielten und „Westkontakte“ knüpften. Für mich war das damals völlig normal und ich verstand die ganze Aufregung nicht. Ich konnte mir doch meine Freunde aussuchen wo ich wollte oder? Naja, nicht ganz. Zum einen lag dort der Altersdurchschnitt der „Wessis“ bei Ü 25 und zweitens kamen sie ja aus dem „kapitalistischen Ausland“. Beides wurde in Verbindung mit jungen DDR-Mädels nicht gerne gesehen.

Immer wieder wurden wir von Polizisten kontrolliert und ausgehorcht. „Wer verkehrt im Cafe, kennt ihr die Namen, wird dort mit Drogen gehandelt, werdet ihr zu etwas gezwungen…..?“ Für uns waren die Befragungen zwar lästig aber auch irgendwie spannend. Wir haben immer das Blaue vom Himmel gelogen, um nicht aufzufallen. Saßen wir in diesem Cafe, waren wir geschützt, denn die Polizei durfte das „Rendezvous“ ohne triftigen Grund nicht betreten. Warum, kapier ich heute noch nicht so ganz. Es kam also wirklich manchmal zu der kuriosen Situation, dass die Polizei draußen vor dem Cafe stand und wir sie drinnen durch die Scheiben angrinsten, ohne dass was passierte.

Meistens………

 

Advertisements

Bitte fleißig kommentieren. Nur durch konstruktive Kritik entwickelt man sich weiter.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s