Mode mal anders – Rückblick in alte Stoffwelten

Mode ist, was gefällt. Heutzutage kein Problem mehr, denn fast jede Stilrichtung ist in den Geschäften erhältlich. Und wem das alles immernoch zu alltäglich ist, schneidert seine Sachen einfach selbst. DIYS ist eh immer mehr im Kommen. Selber fertigen macht Spaß und ermöglicht jedem, einzigartige Stücke zu besitzen, die es nirgendwo zu kaufen gibt. Ganz neu ist der Trend ja nicht. Wir Ossis waren echte Meister im Werkeln, hatten keine andere Wahl, wollten wir haben, was andere schon lange besaßen.
Mode war damals das, was alle anzogen. Latzhosen aus Cord oder kariertem Stoff, gestreifte Pullover oder Nicki aus Samt, Anoraks. Praktisch, bequem, alltagstauglich, so sollte Kleidung sein. Das Wort stylish kannten wir nicht und Levis-Jeans gabs nur, wenn man eine Oma hatte, die ab und zu in den Westen fuhr und das nötige Kleingeld hatte, um ihren Enkeln etwas „Gutes“ zu kaufen.
Unsere Kleidung bezogen wir aus Textilgeschäften der HO, deren Angebot immer gleich war, gleich wenig, gleich einfallslos. Wer Besserverdiener war, konnte den „Exquisit“ nutzen und Hosen für 200 Mark das Stück erwerben. Aber das konnten sich nur Wenige leisten. Also wuchsen wir mit Stoffen wie Dederon, Wolpryla, Lederon, Malimo, Grisuten und Präsent 20 auf.

Dederon ist vergleichbar mit Perlon und war reines Polyester. Besonders gerne wurde Dederon zu Kittelschürzen verarbeitet. Solch eine besaß wohl jeder Ossi. Als Hausfrau hat man in Schürzen mit Blümchenmuster geputzt, als Mann in blauen Kitteln gewerkelt. Verkäuferinnen trugen sie in Weiß und FDJler in Dunkelblau, zur Bluse umfunktioniert. In dem ständig statisch aufgeladenen Stoff schwitzte man wie Hölle. Auch Feinstrumpfhosen bestanden aus Dederon. Und da sie damals echt teuer und nicht immer erhältlich waren, wurden sie auch nicht sofort entsorgt, wenn mal eine Masche lief. Man brachte sie in den kleinen Laden nebenan zum Laufmaschen aufnehmen. Auf dem Tresen stand dort ein senkrecht aufgestelltes Brett, über das die Strumpfhose gezogen wurde. Mit Dederongarn und Repassiernadel wurden die Maschen dann verkettelt.
Grisuten, auch komplett aus Polyester wurde hauptsächlich zur Herstellung von Bademoden benutzt. Wolpryla war eine wollige syntetische Faser, aus der viele Pullover bestanden. Auch hier standen prinzipiell die Haare zu Berge, dank der statischen Aufladung, wenn man die Kleidung über den Kopf zog.
Lederol war ein Lederersatzstoff und Malimo wurde meist zur Herstellung von sogenannten Wirkwaren wie Vorhängen, Bettwäsche, Tischtücher etc. benutzt.
Der super duper Zauberstoff sollte Präsent 20 werden. Ein Stoff, der extra zum 20-jährigen DDR-Bestehen „erfunden“ wurde. Rundstrick, auch hier wieder aus 100%igem Polyester, diente Anzügen und Kostümen als Grundlage. Hauptsächlich in Grau und Braun, später auch mit knallbunten Fäden durchzogen, war auch dieser Stoff statisch so aufgeladen, dass beim Ausziehen der Jacke im Dunkeln die Funken sprühten.
Und dann gab es noch die geliebte Niet- bzw. Nietenhose. Die Jeans des Ostens hieß es. Ob „Wisent“, „Boxer“ oder „Shanty“, mit echten Jeans hatte das nichts zu tun. Der Schnitt war katastrophal, Accessoires wie zusätzliche Taschen und  Doppelnähte fehlten gänzlich und der heißersehnte Auswascheffekt blieb auch aus. Damals schon gab es bei den Kindern in der Schule ein Beliebtheitsranking. Wer „Boxer“ trug, war der Looser, wer sich „Levis“ leisten konnte, der King.
Viele geschickte Näherinnen kauften sich somit lieber eine Zeitschrift mit Schnittbögen und schneiderten ihre Kleidung selber. Sehr beliebt waren die „Sibylle“, „Pramo“ und „Modische Maschen“. Da meine Tante sehr gerne nähte, lernte ich dies als Kind ebenfalls. Leider ist heute nicht mehr viel von dem Talent übrig, aber Spaß hat es auf jeden Fall gemacht. Immerhin besaß ich stets individuelle Kleider und extravagante Faschingskostüme.
In den 80ern flammte dann meine Kreativität erneut auf. Damals waren gerade die Leinenhosen in Pastellfarben und asiatische Schriftzeichen IN. Also wurde der Wäscheschrank von Mama geplündert und alte Laken gemopst. Wer Glück hatte, ergatterte welche in Babyblau oder Rosa, ansonsten wurden weiße Laken einfach eingfärbt. Nun wurde eine Hose aufgelegt, mit Kreide die Umrisse angezeichnet und drauf los geschnippelt. Dann noch ran an Mamas Nähmaschine und fertig war die IN-Hose. Für die asiatischen Schriftzeichen benutzten wir alte Marmeladendeckel aus Plastik, die wir als Schablone nutzten. Ein erdachtes, nicht existierendes Zeichen wurde auf den Deckel gemalt, ausgeschnitten, auf die Hose gelegt und umrissen. Die Zeichen zierten die gesamte Hose in unregelmäßigen Abständen. Man könnte auch sagen FREI SCHNAUZE. Nun musste nur noch mit Textilfarbe nachgemalt werden. Auf gleicher Basis entstanden unsere Tops. Letztlich verwendeten wir auch noch die Schablonen. Oben wurde ein kleines Loch gebohrt und eine aufgebogene Büroklammer befestigt. So entstanden unsere DIYS-Ohrringe.
Also dumm waren wir nicht, fanden für alles eine Lösung. Nur bei den Schuhen standen wir vor einem großen Problem. Da gab es noch weniger Auswahl als bei den Klamotten. Wer Geld hatte, leistete sich Salamander-Schuhe, aber wirklich hübsch fand ich die damals auch nicht. Aber die Qualität stimmte.
Ilmia, später Germina und ZEHA waren die größten Hersteller von Sportschuhen. Damit wurden u.a. die Profisportler ausgestattet. Für uns Normalos blieben meist nur die Einheitsturnlatschen in Blau-Weiß. Wir nannten sie immer Essensgeldschuhe, denn sie kosteten um die 5 Mark, so viel wie 2 Wochen Schulessen.
Beliebte Schuhe unter Jugendlichen waren braune Tramperschuhe aus Velourleder oder auch Jesuslatschen. Auch bei Schuhen hatte man die Möglichkeit, im Exquisit einkaufen zu gehen. Meine Nichte leistete sich damals Pumps für 150 Mark in blauem Lackleder mit Glitzer.
Viel mehr gibt es zur DDR-Mode nicht zu sagen, außer dass man schon als Kind verstanden hat, seine Kleidung zu pimpen. Als jemand, der viel Sport im professionellen Bereich betrieben hat, eckte ich stets mit meinen geknoteten, bauchfreien Trikots bei meinen Trainern an. 😉 Aber schon früher war ich der Meinung, auch wer schwitzt, kann gut aussehen.


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6 Kommentare zu “Mode mal anders – Rückblick in alte Stoffwelten

  1. gerade habe ich mich über deinen Plattentipp gefreut und nun lese ich mit Vergnügen über deine Stoffschau und werde als Ostdeutsche (Jahrgang 1967) richtig wehmütig und schmunzele gleichzeitig, habe ich doch vor ein paar Wochen meiner mittleren Tochter ein paar alte Sibylle-Journale geben können, die ich aufgehoben und zufällig wiedergefunden hatte.
    Liebe Grüße,
    Marlis

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    • Hallo Marlis,

      das freut mich. Ich schwelge gerne mal in alten Zeiten. Wir sind fast ein Jahrgang, da haben wir wahrscheinlich Ähnliches erlebt. Sibylle war Pflichtlektüre damals. Meine Tante hat viel genäht und ich wurde von ihr nach Sibylle-Vorbild ausgestattet. 😉 Deine Tochter hat sich über die Mode bestimmt scheckig-gelacht, haha.

      LG Dany

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